Texte · Träume

Der Patros-Grieche

Traum:

Im Fernsehen läuft eine Show, in der ein Vater zum ersten Mal sein Kind sieht. Es liegt in einem weißen Zelt, in Laken gehüllt und alle warten darauf zu sehen, ob es ein Mädchen oder ein Junge ist. Oder vielmehr, wie der Vater darauf reagiert, dass es ein Mädchen oder ein Junge ist. Die Kamera zoomt ganz nah an sein Gesicht heran, fängt seine Vorfreude ein. Und schließlich sehen die Zuschauer das Kind. Es ist ein Mädchen. Der Vater freut sich, die Leute im Studio freuen sich, alle freuen sich mit. Von der Mutter keine Spur. Doch bevor der Vater das Kind, das nun ein Mädchen ist, auf den Arm nehmen kann, vollbringt es seine erste öffentliche Handlung. Es spuckt in hohem Bogen einen bereits vorhandenen Mageninhalt von sich.

Plötzlich Schnitt. Das Leben des Mädchens läuft vor dem Auge des Zuschauers ab. Er sieht sie in verschiedenen Stationen ihres Lebens. An ihrem Geburtstag hat sie eine rosa Schleife im Haar und ein weißes Kleidchen an. Und sie spuckt, in hohem Bogen, in allen gezeigten Einstellungen.

Wieder Schnitt. Plötzlich bin ich nicht mehr nur Zuschauer. Ich handle. Stehe vor dem Vater, von dem ich weiß, dass er Grieche ist. Ich halte ihn für denselben Vater, wie den, den ich im Fernsehen gesehen habe. Ich sehe auch seine Tochter, die gerade nicht spuckt. Und er hat jetzt auch einen Sohn. Wieder keine Spur von der Mutter. Ich bin belustigt über die Begegnung und nutze meine Gelegenheit endlich etwas zu fragen, was mich schon lange beschäftigt. In einem Film hatte ich gesehen, dass Griechen gerne mit Kartons basteln. Ihnen eine neue Form geben und sich dann hineinsetzen. Stimmt das?, frage ich den Vater, der plötzlich auch aussieht wie ein Grieche. Er fühlt sich ertappt und sagt, dass er das in der Vergangenheit wirklich gern gemacht hat, es jetzt aber lieber bleiben lässt. Ich glaube ihm nicht. Wir lachen und lachen. Isst du auch Ziegenkäse?, fragt der Sohn. Nein, den mag ich nicht, sage ich. Stimmt, den darfst du ja gar nicht essen, sagt der Vater, du bist ja Vegetarier. Aber eigentlich essen wir nur Ziegenkäse, gar keinen Schafskäse.

Plötzlich wird das Gesicht des Vaters sehr ernst und traurig. Da war noch etwas anderes in dem Film, sage ich. Stimmt das auch? Ihr Griechen wollt euch umbringen. Er nickt, aber nur ganz leicht, so dass nur ich es merke. Ich will ihm dringend helfen. Er darf sich nicht umbringen. Ich bringe Argumente, doch die überzeugen ihn nicht. Also packe ich ihn, ganz fest, halte ihn ganz nah an mein Gesicht: Er darf sich nicht umbringen! Plötzlich erkenne ich, dass er zum Mann auf der Patros-Packung geworden ist. Ich halte eine Patros-Packung Schafskäse in der Hand!

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