Bücher · Deutscher Buchpreis · Literatur

Longlist Deutscher Buchpreis 2017

Am Dienstag wurde die Longlist des Deutschen Buchpreises 2017 verkündet. Ich habe mir die zwanzig Anwärter einmal genauer angesehen.

Mirko Bonné: Lichter als der Tag (Schöffling & Co, Juli 2017)

Raimund Merz trifft nach vielen Jahren am Bahnhof zufällig Inger wieder, in die er zu Jugendzeiten verliebt war. Inger entschied sich damals für seinen damals besten Freund Moritz. Alte Wunden und Sehnsüchte flammen wieder auf und Raimund begibt sich auf die Suche zurück zu sich selbst.

Mirko Bonné stand 2013 mit seinem Roman „Nie mehr Nacht“ auf der Shortlist.

Gerhard Falkner: Romeo oder Julia (Berlin Verlag, September 2017)

Dem Autor Kurt Prinzhorn widerfahren während seiner Autorenreisen seltsame Dinge. So verschwinden sein Schlüsselbund und später seine Reisetasche, wertvollere Gegenstände lässt der Eindringling aber zurück. Diese Vorkommnisse scheinen in Verbindung mit Herrn Prinzhorns Vergangenheit zu stehen.

Auch Gerhard Falkner ist ein Bekannter der Longlist, ist aber bisher leer ausgegangen.

Franzobel: Das Floß der Medusa (Paul Zsolnay, Januar 2017)

Roman nach einer wahren Begebenheit: Nach dem Untergang der Fregatte Medusa 1816 wird ein Floß mit 15 Überlebenden entdeckt. Sie haben Grauenhaftes erlebt und um zu Überleben die Grenzen der Zivilisation verlassen. Wird es ihnen gelingen in ein normales Leben zurückzukehren?

Monika Helfer: Schau mich an, wenn ich mit dir rede! (Jung und Jung, März 2017)

Vev ist Scheidungskind und lebt bei ihrer Mutter, die einen Neuen hat, den alle nur The Dude nennen. Auch ihr Vater hat eine Neue und ist mir ihr und deren zwei Kindern zusammengezogen. Vev leidet unter ihrer Mutter, kennt aber andererseits auch nichts anderes.

Christoph Höhtker: Das Jahr der Frauen (Weissbooks, August 2017)

Frank Stremmer, Anfang vierzig, ist nach endlosen Therapiestunden ausgebrannt und lebensmüde. Bevor er den Freitod wählt, nimmt er ein letztes Projekt in Angriff: 12 Frauen in 12 Monaten. Ohne Geld, ohne Versprechungen, ohne Perspektiven.

Thomas Lehr: Schlafende Sonne (Carl Hanser, August 2017)

Rudolf Zacharias besucht die Ausstellung seiner ehemaligen Studentin Milena. Der Autor entwickelt über Milenas ausgestellte Kunst ein Fresko aus privaten Verwicklungen und historischen Schauplätzen.

Jonas Lüscher: Kraft (C.H. Beck, März 2017)

Richard Kraft, Rhetorikprofessor, steht vor den Trümmern seines Lebens. Er hofft, sich mit dem Preisgeld eines wissenschaftlichen Kongresses in Silicon Valley, von seiner Frau freikaufen und damit endlich seine finanzielle Misere beenden zu können.

Kritik am Kapitalismus und der Machtelite, die nicht vor Tabubrüchen zurückschreckt. Ein buchpreisverdächtiges Thema, das bereits viel Beifall gefunden hat.

Jonas Lüscher war bereits 2013 mit „Frühling der Barbaren“ für den Buchpreis nominiert.

Robert Menasse: Die Hauptstadt (Suhrkamp, September 2017)

Brüssel: Eine Beamtin der Europäischen Kommission soll das Image der Kommission aufpolieren, ein alter Mann soll kurz vor seinem Tod sein damaliges Springen vom Deportationszug bezeugen, ein Kommissar soll aus politischen Gründen einen Mordfall auf sich beruhen lassen und ein emeritierter Professor soll in einem Think-Tank der Kommission seine vielleicht letzten Worte sprechen.

Birgit Müller-Wieland: Flugschnee (Otto Müller, Februar 2017)

Lucys Bruder Simon ist verschwunden. Das Nachsinnen über ihn führt sie zu einem früheren Wintertag ins Haus der Großeltern in Hamburg, an dem etwas geschah, das den Kindern verschwiegen wurde. Wie gehen Familien mit ihren „Leichen im Keller“ um? Welche Auswirkungen haben diese auf die Folgegenerationen?

Jakob Nolte: Schreckliche Gewalten (Matthes & Seitz Berlin, März 2017)

Hilma Honik verwandelt sich eines Nachts in einen Werwolf und tötet ihren Mann. Die Zwillingskinder sind nun auf sich allein gestellt. Liegt die Bestialität in der Familie oder gelingt es ihnen trotz des Traumas ihr Leben zu meistern?

Experimentelle, mutige Prosa, bei der Glück und Zumutung nahe beieinander liegen. Rezensenten ziehen Vergleiche mit Thomas Pynchon und David Foster Wallace, aber auch mit David Lynch und Quentin Tarantino.

Marion Poschmann: Die Kieferninseln (Suhrkamp, September 2017)

Gilbert Silvester, Privatdozent und Bartforscher, steht unter Schock. Letzte Nacht hat er geträumt, dass seine Frau ihn betrügt. In einer absurden Kurzschlusshandlung verlässt er sie, steigt ins erstbeste Flugzeug und reist nach Japan, um wie die alten Wandermönche in den Reisebeschreibungen Bashos den Mond über den Kieferninseln zu sehen. Auf der Pilgerroute trifft er auf den Studenten Yosa, der mit einer ganz anderen Reiselektüre unterwegs ist, dem Complete Manual of Suicide.

Poschmanns Roman „Die Sonnenposition“ stand 2013 auf der Shortlist.

Kerstin Preiwuß: Nach Onkalo (Berlin Verlag, März 2017)

Matuschek ist vierzig, als seine Mutter stirbt, mit der er das Haus teilte. Ohne ihre Fürsorge weiß er nicht, wie es weitergehen soll. Eine Frau hat er nicht und von dort, wo er wohnt, geht man weg, wenn man kann. Aber Matuschek ist einer, der bleibt, Bewohner des Hinterlands, einer längst von allen aufgegebenen Welt.

Robert Prosser: Phantome (Ullstein fünf, September 2017)

Anisa flüchtet 1992 aus Sarajewo nach Wien. In den beginnenden ethnischen Säuberungen hat sie ihren Vater zurückgelassen – und wird ihn nie wiedersehen. Auch von ihrem Freund Jovan, einem bosnischen Serben, der zum Militärdienst eingezogen wurde, konnte sie sich nicht verabschieden. Jahrzehnte später reist Anisas Tochter Sara auf den Spuren ihrer Mutter nach Bosnien-Herzegowina.

Sven Regener: Wiener Straße (Galiani Berlin, September 2017)

„Wiener Straße“ beginnt im November 1980 an dem Tag, an dem Frank Lehmann mit der rebellischen Berufsnichte Chrissie sowie den beiden Extremkünstlern Karl Schmidt und H. R. Ledigt in eine Wohnung über dem Café Einfall verpflanzt wird, um Erwin Kächeles Familienplanung nicht länger im Weg zu stehen.

Sasha Marianna Salzmann: Außer sich (Suhrkamp, September 2017)

Sie sind zu zweit, von Anfang an, die Zwillinge Alissa und Anton. Sie halten sich in der kleinen Zweizimmerwohnung im Moskau der postsowjetischen Jahre aneinander fest, wenn die Eltern aufeinander losgehen. Später, in der westdeutschen Provinz, streunen sie durch die Flure des Asylheims und stehlen Zigaretten aus den Zimmern fremder Familien. Eines Tages verschwindet Anton spurlos. Alissa macht sich auf die Suche – nach dem verschollenen Bruder, aber vor allem nach einem Gefühl von Zugehörigkeit jenseits von Vaterland, Muttersprache oder Geschlecht.

Ingo Schulze: Peter Holtz (S. Fischer, September 2017)

Peter Holtz will das Glück für alle. Schon als Kind praktiziert er die Abschaffung des Geldes, erfindet den Punk aus dem Geist des Arbeiterliedes und bekehrt sich zum Christentum. Als CDU-Mitglied (Ost) kämpft er für eine christlich-kommunistische Demokratie. Als er zum Millionär wird, möchte er das Geld mit Anstand wieder loswerden.

Ingo Schulze war schon zweimal auf der Shortlist vertreten.

Michael Wildenhain: Das Singen der Sirenen (Klett-Cotta, September 2017)

Als der deutsche Frankenstein-Experte Jörg Krippen auf dem Campus seiner neuen Londoner Universität umherirrt, hilft ihm die junge Stammzellenforscherin Mae sich zu orientieren. Die Begegnung wirkt zufällig, tatsächlich hat sie diese bewusst provoziert. Kurz darauf führt Mae ein Wiedersehen herbei, um eine Affäre mit dem deutlich älteren Mann zu beginnen. Zugleich scheint sie sonderbar viel über ihn zu wissen.

Julia Wolf: Walter Nowak bleibt liegen (Frankfurter Verlagsanstalt, März 2017)

Eine Begegnung bringt Walter Nowak aus dem Gleichgewicht. Er liegt bewegungsunfähig auf dem Boden seines Badezimmers und ist hilflos seinen Gedankenfluten und Erinnerungen ausgesetzt. Eine Reise in die menschliche Psyche.

Julia Wolf gewann letztes Jahr den 3sat-Preis in Klagenfurt und „Walter Nowak bleibt liegen“ wurde bereits in der FAZ und dem Literatur Spiegel euphorisch besprochen. Auch das Literarische Quartett und der Schweizer Literaturclub diskutierten über den Roman.

Christine Wunnicke: Katie (Berenberg, März 2017)

London um 1870: Florence Cook ist das It-Girl der Branche – streng verschnürt im Schrank bringt sie die ­ aufregendste aller Erscheinungen zutage: ­Katie, 200 Jahre jung und in gleißendes Weiß gewandet, früher Piratentochter, heute eine unruhige Seele auf der Suche nach Erlösung. Oder …? Ein Fall für Sir William Crookes, der Florence (und Katie) nach den Regeln der damaligen Kunst unter die Lupe nimmt – nur um am Ende erschöpft zu konstatieren, dass die Wissenschaft im Grunde auch nur ein Spuk ist. Eine herrlich übersinnliche Geschichte.

Wunnickes Roman „Der Fuchs und Dr. Shimamura“ war 2015 auf der Longlist.

Feridun Zaimoglu: Evangelio (Kiepenheuer & Witsch, März 2017)

4. Mai 1521 bis 1. März 1522: Martin Luther hält sich auf der Wartburg auf. Gänzlich unfreiwillig, denn er ist auf Geheiß des Kurfürsten von Sachsen in Gewahrsam genommen worden. Dort sieht er sich größten Anfechtungen ausgesetzt, vollbringt aber auch sein größtes Werk: In nur zehn Wochen übersetzt er das Neue Testament ins Deutsche.


Ich kann mir gut vorstellen, dass Robert Menasse, Jonas Lüscher, Sasha Marianna Salzmann und Feridun Zaimoglu aufgrund der Thematik ihrer Romane heiße Anwärter auf den Buchpreis sind.

Mich persönlich reizt davon aber nur der Roman von Salzmann. Ich finde die Romane von Julia Wolf, Jakob Nolte, Birgit Müller-Wieland und Monika Helfer viel spannender.

Ich ringe noch mit mir, ob ich mir jetzt schon den einen oder anderen Roman vornehme oder besser auf die Shortlist am 12. September warte. Da stehen dann noch sechs Romane zur Auswahl.

Book Kook

 

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