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Mirko Bonné: Lichter als der Tag

Von den zwanzig Titeln der diesjährigen Longlist für den Deutschen Buchpreis habe ich mir nun zuerst den Roman von Mirko Bonné vorgenommen. Und das, obwohl mich Romane über Lebens- und Liebeskrisen von Männern über 50 eigentlich immer eher abgeschreckt haben.

Den Nachtzug nach Lissabon von Pascal Mercier zum Beispiel habe ich nach wenigen Seiten abgebrochen. Zu klischeehaft und konstruiert wirkte der mittelalte Altphilologe auf mich, der plötzlich nach der Begegnung mit einer jungen Portugiesin aus seiner eintönigen Routine ausbricht.

Die beiden Romane weisen sogar einige Parallelen auf, die wohl kaum zufällig sein können. Beide Hauptprotagonisten hören auf den Namen Raimund und die Namen ihrer (Ex-)Frauen weichen auch nur geringfügig voneinander ab: Floriane und Florence. Für beide Protagonisten ist außerdem die Wirkung von Kunst der Auslöser, dass sie schließlich ihr bisher so unerfülltes Leben hinter sich lassen. Bei Gregorius ist es ein Auszug aus dem Werk des fiktiven Arztes und Philosophen Prado, bei Raimund Merz ein Gemälde des­­ Künstlers Camille Corot. Und das sind nur die offensichtlichen Parallelen, die ich ziehen kann, ohne Merciers Roman wirklich gelesen zu haben. Gut, dass mir das erst nachträglich auffällt und die Ausstattung so stimmig in meiner Lieblingsfarbe petrol gehalten ist, andernfalls hätte ich Bonnés Roman vielleicht gar nicht gelesen.

Was ich an Lichter als der Tag bewundert habe, ist die gelungene Komposition des Romans. Man merkt, dass der Autor bisher fast ebenso viele Gedichtbände wie Romane veröffentlicht hat. Die Licht-Schatten-Metaphorik zieht sich kunstvoll durch den ganzen Roman. Über gut gewählte Rückblenden und Perspektivwechsel wird Spannung aufgebaut und erfährt der Leser Seite um Seite mehr über die Protagonisten und ihre Verwicklungen.

Auch die Viererkonstellation der Protagonisten, die der Verlag als Übertragung von Goethes Wahlverwandtschaften-Thema in die heutige Zeit präsentiert, ist spannend – wenn auch nicht neu. Raimund, Moritz, Floriane und Inger waren in Jugendtagen unzertrennlich und verbrachten unvergessliche Sommer im nahegelegenen Dorfwald. Raimund knüpft zarte Bande mit der aus Dänemark zugezogenen Waise Inger, während Moritz und Floriane ein Liebespaar sind. Aus einer Laune heraus fühlt sich Inger plötzlich zu Moritz hingezogen und bringt damit die Idylle ins Wanken. Später wird ihr klar, dass die Lust, die sie in einem einzigen Moment für Moritz empfand, das damit hervorgerufene Leid nicht aufwiegen konnte. Da ist es aber schon zu spät. Längst sind die Verlassenen Raimund und Floriane ebenfalls eine Beziehung eingegangen. Also heiraten die jeweils falschen Paare und kommen auch nach Jahren nicht von ihrer wahren Liebe los.

Bis auf die ehrgeizige Floriane, die wie ihre Mutter und Schwestern Kieferchirurgin wird, bleiben die drei anderen ehemaligen Freunde hinter ihren Träumen und Sehnsüchten zurück. Raimund schließt sein Biologiestudium trotz der Faszination für Waldwespen nie ab und wird nur mithilfe eines frisierten Lebenslaufs Redaktionsangestellter der Hamburger Zeitung Der Tag – ein Job, der ihn nicht ausfüllt und für den er kaum Anerkennung erhält. Auch Moritz studiert lange Jahre ziellos und wird nie der gefeierte Architekt, der er einst werden wollte. Inger umgibt sich weiterhin mit den Gemälden ihres verunglückten Vaters und dessen Künstlerfreunden statt selbst Künstlerin zu sein.

Erst als einer der Protagonisten stirbt, können immerhin zwei der ehemaligen Freunde glücklich werden. Nach der langen, vergeudeten Zeit steht damit – anders als in den Wahlverwandschaften Goethes und im Nachtzug nach Lissabon – doch noch ­­ein Happy End. Die Zeit scheint überwunden, in der gesellschaftliche Zwänge einen Neuanfang unmöglich machten. Es gilt aber den richtigen Moment nicht zu verpassen, das eigene Leben endlich in die richtigen Bahnen zu lenken – bevor Körper und Seele schon zu sehr angegriffen sind vom jahrzehntelangen Dunkel, um sich noch für das Licht öffnen zu können. Am Ende des Romans steht somit der Aufruf, es den Protagonisten gleich zu tun: sich endlich auf das Wesentliche zu besinnen und das „einbetonierte Leben“ hinter sich zu lassen.

MEIN FAZIT

Ein wohlkonzipierter, poetischer Roman, der sich zu lesen lohnt, aber doch nicht einzigartig und herausragend genug ist, um es meiner Meinung nach auf die Shortlist zu schaffen. Für meinen Geschmack war es dann doch zu viel der Licht-und-Schatten-Metaphorik, des Pathos und der konstruierten Zufälle (mussten Moritz‘ Eltern unbedingt auch tödlich verunglücken?). So sehr ich auch das Durchkomponierte, Artifizielle bewundere, sind mir dann doch Romane lieber, die weniger gewollt daherkommen und dem Leser durch subtile Andeutungen mehr Interpretationsspielraum lassen.

Mit Lichter als der Tag vollendet Bonné ein Triptychon, in dem Motive und Figuren in Abwandlungen immer wiederkehren. Der zweite Roman Nie mehr Nacht nach dem Auftakt Wie wir verschwinden (2009) hat es 2013 bis auf die Shortlist geschafft. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Jury einen weiteren Roman der Reihe unter die letzten Sechs wählen wird. Zumal Lichter als der Tag im Gegensatz zu seinem Vorgängerroman keine historische Dimension hat.

Mirko Bonné: Lichter als der Tag. Roman
336 Seiten. Schöffling & Co., Frankfurt a. M.
€ 22,00

Besprechungen

Tagesspiegel

NDR – Buch des Monats Juli

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