Bücher · Deutscher Buchpreis · Literatur · Rezensionen

Monika Helfer: Schau mich an, wenn ich mit dir rede!

In diesem Jahr sind fünf österreichische Autoren für den Buchpreis nominiert. Monika Helfer ist seit Jahren eine feste Größe in Österreich, mir war sie wie die meisten der diesjährigen Nominierten nicht bekannt. Diesmal war es nicht das Cover, das mich neugierig gemacht hat, sondern der ungewöhnliche Einstieg des Romans: Eine unpersönliche Erzählerin sitzt in der U-Bahn einer jungen Mutter und deren etwa 10-jähriger Tochter gegenüber. Die blonden Haare der Mutter sind ungewaschen, ihre Klamotten billig. Sie fragt die Tochter wiederholt unbeherrscht nach dem Vater und deren neuer Freundin und, ob die Tochter sie noch liebt – bis die Tochter in Tränen ausbricht.

Ausgehend von dieser kurzen, zufälligen Begegnung malt sich die Erzählerin auf den folgenden Seiten die Lebensgeschichte des Mutter-Tochter-Gespanns aus. In ihrer Fantasie heißt die Mutter Sonja, hat psychische Probleme und ist suchtkrank. Das hat die Ehe belastet und ihren Mann schließlich in die Arme einer anderen Frau getrieben, die bereits zwei eigene Töchter aus früherer Ehe hat. Die Tochter hört auf den klangvollen Namen Genoveva, der eine Reminiszenz an eine verstorbene Familienangehörige der Erzählerin ist. Sie wird allerdings von allen nur Vev gerufen. Würde die Geschichte verfilmt werden, dann müssten ihrer Meinung nach die Coen-Brüder Regie führen und die Hauptrolle mit Scarlett Johansson besetzt werden.

Ich haben den Roman als Suche nach der eigenen Identität in einer Welt auseinanderbrechender Partnerschaften und Familienstrukturen gelesen, in der wir tagtäglich mit vorschnellen Urteilen neugieriger Beobachter und Rollenvorbildern der Populärkultur konfrontiert sind. Besonders deutlich wird die Identitätssuche im Roman durch die Auseinandersetzung der Figuren mit ihren Namen.

Sonjas neuer Freund Eric nennt sich selbst „The Dude“ nach dem Helden aus „The Big Lebowski“ – scheinbar ohne den Film je gesehen zu haben. Bei einem Autounfall hat er als einziger überlebt, seine Familie kam ums Leben. Er ist nicht mehr der unbeschwerte Junge, der er vor dem Unfall war und macht dies durch seinen neuen Namen deutlich. Sein bester Freund Elmar, der einmal ein kleines Mädchen gerettet hat, besteht darauf „Der Glatzkopf“ genannt zu werden. Erst am Ende des Romans findet er durch Sonjas Hilfe wieder zu sich selbst zurück und nimmt wieder seinen bürgerlichen Namen an.

Natalie, die Freundin von Sonjas Exmann Milan, wird nur von allen Nati genannt. Sie mag den Spitznamen nicht, schafft es aber nicht, das bei ihrem Umfeld durchzusetzen. Selbst der Chefarzt, der sie als einziger bei ihrem richtigen Namen nennt, tut dies nur aus Nostalgie zu einem Lied seines Vaters. Somit tut er das, was alle Figuren im Roman tun: er projiziert seine eigenen Sehnsüchte auf seine Mitmenschen, anstatt sie wirklich als eigenständige Persönlichkeit zu erkennen. Die Trafikantin, mit der Milan Nati betrügt, durchläuft mehrere Spitznamen (Mary, Mizzi) und besteht erst gegen Ende des Romans auf ihren eigentlichen Namen Maria. Milan nennt sie trotzdem weiterhin Mizzi.

Vev lehnt sich zwar (noch) nicht gegen ihren Spitznamen auf, erschafft aber in einem Schulaufsatz ihre eigene Realität, die Schnittpunkte, aber auch Abweichungen von der Realität des Romans aufweist. Von ihrem Lehrer wird der Aufsatz als Themaverfehlung bewertet und als Anlass zur Sorge angesehen. Der Hund von „The Dude“ heißt schließlich konsequenterweise „Nemo“. Erst bei Maria wird er zu einem „Jemand“, da sie durch ihn nicht mehr ganz so alleine ist.

Während es den Männern gelingt sich über ihren neuen Namen eine neue Identität aufzubauen, versuchen die Frauen sich von den Projektionen und Sehnsüchten anderer zu emanzipieren, um endlich ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. Dies gelingt ihnen aber nicht, da auch sie von Ängsten und Erwartungen an das Leben geleitet werden. Am Ende ist die Selbstbestimmheit ohnehin eine Illusion, da alle Figuren nur das Gedankenspiel einer neugierigen Beobachterin sind.

MEIN FAZIT

Die Themen und Motive dieses Romans fand ich sehr interessant ausgearbeitet. Es gibt ja Bücher, die während des Lesens großes Vergnügen bereiten, dann aber im Nachklapp wenig Bleibendes hinterlassen. Bei diesem Roman stelle ich das gegenteilige Phänomen fest: Der Plot reißt nicht sonderlich mit, die Sprache ist nicht außergewöhnlich; einmal beendet eröffnet der Roman aber viel Stoff zum Nachdenken und erst im Nachhinein erschließt sich die Gesamtkonzeption, die Erzählweise und die Zusammenstellung der Figuren. Um aber an diesen Punkt zu kommen, muss man sich auf den Roman einlassen wollen. Ob es für die Shortlist reicht? Ich glaube eher nicht.

Monika Helfer: Schau mich an, wenn ich mit dir rede!
Jung und Jung, 170 Seiten, € 20,00

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s