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Birgit Müller-Wieland: Flugschnee

Während es bei Mirko Bonné in Lichter als der Tag das Licht war, das den Hauptprotagonisten zurück in die Vergangenheit versetzt hat, ist es in Birgit Müller-Wielands Roman Flugschnee der Schnee, der Erinnerungen auslöst. Diesmal sind es aber eher unterdrückte Erinnerungen, die sich zurück ins Bewusstsein der Figuren drängen. Inwiefern beeinflussen uns die Entscheidungen und Traumata unserer Vorgängergenerationen? Wie gelingt es den einzelnen Mitgliedern einer Familie damit zu leben? Das sind die spannenden Fragen, denen der Roman nachspürt.

Lucys älterer Bruder Simon ist spurlos verschwunden. Bei ihrem letzten Treffen sprach er sie auf einen längst vergangenen Nachweihnachtstag aus der Kindheit an, an den sie sich nur noch bruchstückhaft erinnert. Liegt in dieser Erinnerung der Schlüssel für sein Verschwinden? Lucy sinnt über die gemeinsame Kindheit und Jugend nach, über die Trennung der Eltern, über die Weihnachtsbesuche bei den Großeltern. Zwischen die Passagen der zurückkommenden Erinnerungen Lucys sind Rückblenden der einzelnen Familienmitglieder zu jenem Tag nach Weihnachten vor über zwanzig Jahren eingeflochten. Beim Leser laufen so Seite für Seite die Erinnerungen der einzelnen Mitglieder zusammen und offenbaren die getroffenen Entscheidungen und Geheimnisse, die bis in die Erzählgegenwart nachwirken. Und immer wieder ist es der Schnee, der bei den Figuren Gegenwart und Vergangenheit ineinander gleiten lässt.

Der Wechsel zwischen den Zeitebenen und Perspektiven erzeugt einen Spannungsbogen, dem ich mich nicht entziehen konnte. Innerhalb von fünf Stunden hatte ich den Roman gelesen. Auch, weil ich mich sehr zuhause gefühlt habe in der Sprache und Erzählweise des Romans. Oft fällt es schwer in einen Lesefluss zu kommen, einzelne für das eigene Empfinden misstönende Wörter und Beschreibungen auszublenden. Bei diesem Roman stimmte für mich Ton und Sprache von Anfang an, so dass ich mich direkt darauf einlassen konnte. Das war für mich eine seltene und daher besondere Erfahrung. Umso bedauerlicher, dass das Ende des Romans, das letzte enthüllte Trauma, bei mir leider einen bitteren Nachgeschmack hinterlässt. Zu oft wurde diese dramatischste aller Verwicklungen schon thematisiert.

Der Roman enthält viele spannende Ansätze, um sich mit Erinnerung und dem Zusammenspiel von individuellem und kollektivem Gedächtnis auseinanderzusetzen. Sehr gelungen ist insbesondere die Perspektive der Großmutter, bei der durch die aufkommende Demenz verdrängte Erinnerungen und Sehnsüchte auf eindrucksvolle Weise zurück an die Oberfläche dringen. Interessant fand ich auch, dass drei der Figuren im selben Roman – Die Ästhetik des Widerstands von Peter Weiss, über den die Autorin auch promoviert hat – Zuflucht finden, trotz dieses verbindenden Elements aber zu unterschiedliche Lesarten haben, um sich einander wirklich öffnen zu können.

MEIN FAZIT

Der erste der bisher gelesenen Romane auf der Longlist, dem ich tatsächlich Potenzial für die Shortlist einräumen würde. Ich bin schon sehr gespannt, wie sich die Jury am 12. September entscheiden wird.

Birgit Müller-Wieland wurde in Oberösterreich geboren, lebt nun in München. Ihre Werke, darunter auch Gedichte, Essays und Libretti wurden bereits vielfach ausgezeichnet. 2015/16 erhielt sie ein Projektstipendium des österreichischen Bundeskanzleramts, das ihr auch die Arbeit an Flugschnee ermöglichte.

Birgit Müller-Wieland: Flugschnee
Otto Müller Verlag, 343 Seiten, € 20,00

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